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„Wenn Sie bereit sind, in mir einen Menschen zu sehen“. Behinderung und die Macht des Blickes in Günter Grass’ Die Blechtrommel

Published online by Cambridge University Press:  02 March 2023

Eleoma Joshua
Affiliation:
University of Edinburgh
Michael Schillmeier
Affiliation:
Ludwig-Maximilians-Universität München
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Summary

UNBESTRITTEN: DIE FIGUR des Blech trommelnden, Glas zersingenden Ewig-Dreijährigen hat es zu literarischem Weltruhm gebracht. Es ist die Geschichte von Oskar Matzeraths Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus. Sein (v)erwachsenes Nachkriegs- Alterego, der Ich-Erzähler Oskar Matzerath hingegen hat sich sehr viel weniger dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt:

Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, lässt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann. Mein Pfleger kann also gar nicht mein Feind sein. Liebgewonnen habe ich ihn, erzähle dem Gucker hinter der Tür, sobald er mein Zimmer betritt, Begebenheiten aus meinem Leben, damit er mich trotz des ihn hindernden Guckloches kennenlernt. Der Gute scheint Erzählungen zu schätzen, denn sobald ich ihm etwas vorgelogen habe, zeigt er mir, um sich erkenntlich zu geben, sein neuestes Knotengebilde. (6)

So beginnt Oskar Matzeraths Geschichte, die mit dem bekannten kleinwüchsigen Blechtrommler ihren Auftakt nimmt und mit einem aus der Psychiatrie schreibenden Ich-Erzähler endet, auf den gleich ein ganzes Bündel an körperlichen, geistigen und sozialen Stigmata zutreffen: kleinwüchsig und jetzt auch noch bucklig, für wahnsinnig erklärt und des Mordes beschuldigt. Mit seinen ersten Worten führt dieser Ich-Erzähler sein Publikum geradewegs ins Innerste seiner Erzählung, die um Wahrheit und Lüge, Macht und Ohnmacht, Schuld und Unschuld, Gesundheit und Krankheit, um Körper und Geist — mit einem Wort um jene dichotomen Ordnungsprinzipien einer Gesellschaft kreist, die ihn als kriminell und körperlich und geistig krank ausgrenzt. Günter Grass lässt seinen Erzähler dabei ein Motiv entwickeln, das den gesamten Roman durchzieht: der Blick.

Im Folgenden wird gezeigt, wie das im Roman zentrale Motiv des Blickes ein Leitmotiv der die Moderne prägenden Diskurse um Normalität nachbildet. Der Artikel folgt darin einem historischen Verständnis, das den Nationalsozialismus nicht als sich rationaler Erklärung entziehendes losgelöstes Sonderphänomen sieht, sondern Kontinuitäten in der vor- und nach-nationalistischen Gesellschaft sieht. Diese Haltung zur Kontinuität von Geschichte, die Grass beispielsweise am Beispiel der Rolle der Kirche während des Nationalsozialismus thematisiert, durchzieht den Roman selbst. Sie ist insofern bemerkenswert, als dass Grass mit der Veröffentlichung der Blechtrommel zu einem sehr frühen Zeitpunkt, noch in den 1950er Jahren, den Umgang der Nachkriegsgesellschaft mit ihrer jüngsten Geschichte kritisiert und damit zahlreiche Tabubrüche begeht.

Type
Chapter
Information
Edinburgh German Yearbook 4
Disability in German Literature, Film, and Theater
, pp. 153 - 174
Publisher: Boydell & Brewer
Print publication year: 2010

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