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  • Print publication year: 2016
  • Online publication date: October 2017

Fragment, Figur, Revolution. Georg Büchners Woyzeck und Bertolt Brechts Der Messingkauf

from Focus: Brecht & Büchner

Summary

“Es ist…falsch, in Fragmenten über das Fragment schreiben zu wollen…. Doch was soll man anderes tun?” schreiben Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy in ihrem Fragment über das Fragment, Noli me frangere. Ja, was soll man anderes tun? Trotz seines Titels kann der vorliegende Aufsatz auf Grund der sparsam überlieferten Zeugnisse von Brechts Auseinandersetzung mit Georg Büchners Woyzeck keine direkte Kontinuität zwischen seinem Messingkauf und dem Büchnerschen Text präsentieren. Vielmehr soll aufgezeigt werden, dass sich Spuren von Brechts Darstellungstheorie schon in Woyzeck bemerkbar machen. Es geht um die Revolution – aber um eine Revolution jenseits des jeweiligen persönlichen und politischen Denkens der Revolution, die auf verschiedene Art und Weise immer im Begriff bleibt, sich in diesen Texten zu vollziehen.

Es kann so kommen…

Zwischen 1939 und 1955 entstanden, fällt der Messingkauf im Vergleich zu Brechts zahlreichen anderen theoretischen Schriften durch seine teils dialogische, teils lyrische, teils essayistische und durchweg fragmentarische Form auf. In meiner momentan entstehenden Dissertation bilden die Frage, warum Brecht seinen größten Versuch einer Theatertheorie auf diese Weise schreibt, sowie die Frage, warum er diesen Text nicht zu Ende schreibt, den Ausgangspunkt meiner Auseinandersetzung mit der Theater-Theorie oder dem Theorie-Theater des Messingkaufs und deren Darstellung. Warum ist Brecht am Messingkauf gescheitert? Inwiefern kann dieses Scheitern als ein gleichzeitiges Gelingen betrachtet werden? Und inwieweit ist dieses Scheitern eben das Resultat von Verstrickungen zwischen Inhalt und Form im Text – des Verhältnisses zwischen Theorie und Praxis?

Die Dialoge des Messingkaufs sollten Brechts ersten Plänen nach über vier Nächte hinweg von Begegnungen zwischen einem Philosophen und einigen “Theaterleuten” auf der Bühne nach dem Ausklang einer Theatervorstellung handeln und von den Gesprächen, die zwischen diesen Figuren über das Theater stattfinden, während die Kulissen von einem Bühnenarbeiter abgebaut werden. Es geht also um ein Theater nach der Vorstellung und vor der Vorstellung, um ein Theater im Ab-Bau, um ein Theater, das de konstruiert wird, “denn,” so der Bühnenarbeiter, “morgen wird etwas Neues probiert.” Dazu hat Brecht am Anfang “das ganze einstudierbar gedacht, mit experiment und exerzitium.” Der Titel des Textes ergibt sich aus einer Äußerung des Philosophen, der seine Rolle im Theater als die eines Messinghändlers beschreibt, der “zu einer Musikkapelle kommt und nicht etwa eine Trompete, sondern bloß Messing kaufen möchte.”